Reiseberichte

Belarus - 20. - 27. August 2015

von   4 468 km  -  5 047 km               total  579 km

Am 20. August um 10:30 Uhr nach 4'468 km war ich also in Weissrussland. Es ging alles so schnell und ich wurde so zuvorkommend behandelt, dass ich kaum Zeit zum Nachdenken hatte. Die Zöllnerin war so hilfsbereit, dass sie, um mir den Weg auf der Karte zu zeigen, sogar aus ihrem Büro kam. Anschliessend brachte mich ein anderer Zöllner wieder zum Fahrrad und wünschte mir eine gute Reise. Nach den Ratschlägen der Zollbeamtin, fuhr nun über einen Feldweg zu einer etwas entfernt liegenden Hauptstrasse und umging damit die Schnellstrasse nach Minsk. Die Landschaft zwischen der Grenze zu Litauen und der 2-Millionenstadt Minsk ist leicht gewellt wie ein riesiges nicht ganz glattgestrichenes Leintuch, welches über dem Lande liegt.


Die Dörfer sind, wie auch im Baltikum und in Russland üblich, Ansammlungen aus kleinen, farbigen Holzhäusern. Die Häuser sind gepflegt und werden mit viel Liebe immer wieder neu gestrichen und renoviert.


Es hinterlässt alles einen freundlichen, gepflegten Eindruck. Auch die Bevölkerung ist sehr hilfsbereit. Als ich zu einer kleinen Malzeit am Strassenrand sass, haben mindestens drei Autos angehalten um mich nach meinem Befinden zu befragen. Sie alle wollten wissen, ob es mir gut gehe. Als ich in Maladzyechna (ca. 80km vor Minsk) ein Hotspot fürs Internet suchte, kam ein Junger Mann auf mich zu und fragte spontan, ob er helfen könne. Wir gingen zuerst zu einem seiner Freunde (Reisebüro) bei dem das Netz aber gerade nicht funktionierte. Danach zeigte er mir ein sehr günstiges, aber gutes Restaurant (ähnlich einer Kantine), wo man für ca. 3 Euros essen konnte und anschliessend überzeugte er die Dame an der Rezeption im einzigen Hotel der Stadt, dass ich unbedingt ins Internet müsse. Nach langem hin und her, hat es schliesslich geklappt und ich konnte in einem „hundefreundlichen“ Hotel in Minsk ein Zimmer buchen. Danke Pavel! Ich hatte nun doch einige Zeit gebraucht und musste nun noch die fast 80 km nach Minsk fahren. Zuerst fuhr ich entlang einer Hauptstrasse, aber als es immer mehr Verkehr gab, lud ich Dimitri in den Anhänger und konnte so schnell einige Kilometer hinter mich bringen. Auf dieser Strecke trainierten einige Velorennfahrer und ich versuchte ihnen möglichst zügig zu folgen. Wenn es bergab ging, konnte ich ihnen folgen, aber sobald es eben wurde konnte ich es vergessen. Da ich relativ schnell fuhr, beobachtete ich die Gegend nicht mehr so sehr und bemerkte auch nicht, dass ich plötzlich auf einer Autobahn war. Zum Glück kam jetzt von hinten Vlad auf seinem Hightechrennrad angebraust und begleitete mich bis Minsk. „Du musst nur bei Ein- und Ausfahrten aufpassen“ war seine Antwort auf meine Fragen betrefffend  Fahrradfahren auf der Autobahn. Er begleitete mich bis in die Stadt und fuhr mit mir in den Sportpalast, wo er sein Fahrrad deponierte und wo wir duschen konnten. Anschliessend zeigte er mir die Anlage und fuhr mich zum Hotel. Dort wurde ein wenig rumtelefoniert und dann wurde ich zu einem leckeren Nachtessen (gefüllte Peperoni – eine meiner Lieblingsspeisen) bei ihm zuhause eingeladen. Danke Anna, Ira und Vlad.


Nach dem Essen und dem feinen Selbstgebrannten zeigten sie mir noch Minsk by Night. Nach diesem ereignisreichen Tag mit einem neuen Tagesrekord von 104 km fiel ich um 02:00 Uhr zufrieden ins Bett.

Am nächsten Morgen radelte ich zusammen mit Dimitri kreuz und quer durch die Stadt. Minsk wurde im 2. Weltkrieg fast vollständig zerstört und was noch stand, wurde abgerissen, damit man die Stadt ganz neu aufbauen konnte. Minsk wird von der Swislatsch durchflossen, an deren Ufern grosszügige Parkanlagen gebaut wurden. Unzählige Eichhörnchen geben hier ihr Stelldichein und eben so viele Kunstwerke stehen und liegen unter den Bäumen. Dieser Fluss mündet später in die sagenumwobene Beresina.


Nur wenige alte Gebäude (Kirchen) blieben stehen oder wurden wieder aufgebaut. Dafür entstanden neue Theater- , Ballett- und Zirkushäuser, heroische Staatsgebäude und wohl erst in neuester Zeit modernste Architektur aus Glas.



Wie lange sich das kleine orthodoxe Kirchlein und die paar alten, romantischen Holzhäuser im Stadtbild noch halten können, ist wohl absehbar. Sie werden bald den neuen modernen Autoausfallstrassen und Hochhauswohnblöcken weichen müssen.


Da mein Visum am Ende des Monats auslief, musste ich mich am nächsten Tag von Minsk verabschieden ohne einen Rotary Club besucht zu haben. Schade. Ich fuhr also entlang einer dieser Ausfallstrassen,  die immer wieder von kunstvoll  hergerichteten Blumenarrangement geschmückt waren und landete bald mal auf der Autobahn zur Stadt raus. Die Allee von Apfelbäumen rechts des Pannenstreifens (mit nota bene schön reifen Äpfeln) bot sich für einen Mittagshalt geradezu an.


Nach ca. 20 km Autobahn hatte ich genug vom Lärm und verliess die Autobahn und suchte parallele Strassen. Leider führten die oft weit weg und so kamen halt einige Umwege dazu, aber meistens waren es Industriegebiete und dann später Wald und Felder. Bald nach dem Verlassen der Autobahn fuhr ich an einem grossen Fabrikgelände entlang und fühlte „Swissness“ . Der Grund: Stadler Rail hat hier eine grosse Anlage gebaut, an der ich eine schöne Zeit vorbei zu radeln hatte. Je weiter ich von der Hauptstadt von Belarus wegfuhr, desto mehr verschwanden die Industrieanlagen und man durchfuhr weite Felder und Wälder. Häufig waren die Grossbetriebe mit kunstvollen Wegweisern gekennzeichnet.


In Litauen war die Ernte noch in vollem Gange und hier war sie bereits abgeschlossen. Die Felder lagen abgeerntet vor einem und man sah nur noch die Bauern ihre riesigen Strohmengen entweder zu Ballen geschnürt oder lose zu haushohen, kunstvollen Gebilden auftürmen.


In diesen weiten Ebenen durfte ich fast jeden Morgen von meinem Zelt am Waldrand aus herrliche Sonnenaufgänge erleben. Die folgenden Bilder durfte ich während meinem Frühstück beobachten.


Langsam näherte ich mich der polnischen Grenze. Ich radelte vorbei an idyllischen Badeteichen, verträumten Städtchen und Dörfer mit farbigen Häusern und Gänseteichen. Man sieht immer wieder kleinere und grössere orthodoxe Kirchen und man trifft auf Pferdefuhrwerke und kleine Verkäuferinnen, die für ein paar Rubel schöne, selbst aufgelesene Pflaumen verkaufen.



Nebst sechs Russen, welche mit dem Fahrrad vom weissrussischen Brest nach Moskau fuhren, traf ich nur auf dieses belgische Paar auf ihrem Weg in die Mongolei.

Immer wieder traf ich auf Freilichtmuseen mit ausgedienten Loks und Wagen. Jeder  Eisenbahnfreund hätte hier wohl seine helle Freude. Der öffentliche Verkehr findet zur jetzigen Zeit wohl meist mit dem Autobus statt, da man überall entlang der Strasse wunderbar verzierte Wartehäuschen findet – eins schöner wie das andere.


Letzteres war kurz vor dem grossen Tor zum grössten Urwaldpark Europas, in dem man noch Wisente beobachten kann. Ich freute mich sehr auf diesen Park, aber zuerst wurde noch mein Nervenkostüm etwas strapaziert. Ich wollte eigentlich vor dem Park übernachten, aber da ich keinen geeigneten Ort fand, stand ich plötzlich am Eingangstor zum Park. Die anwesende Parkwächterin machte mich aber darauf aufmerksam, dass man wohl mit dem Fahrrad hier über die Grenze könnte – aber keinesfalls mit dem Hund durch den Park fahren dürfe. Ich fing an zu diskutieren und sie zu telefonieren und ich richtete mich schon darauf ein, mein Zelt neben dem Wächterhäuschen aufzustellen um den morgigen Tag abzuwarten. Plötzlich kam die Schichtablösung der Grenzwacht und wollte durchs Tor. Die Torwächterin wechselte mit diesen einige Worte und erklärte mir danach, dass, wenn ich in einer Stunde bei der 20 km entfernten Zollstation sei, ich durchfahren könne. Gesagt getan und schon war ich unterwegs. Die Parkwächterin hatte sich dieses Problem also umgehend vom Halse geschafft womit allen gedient war. Im Park, einem alten Jagdbanngebiet des Zaren, traf ich einige dieser schönen Brückengeländer an und da die Zollabfertigung durch die Weissrussen nur zwei Minuten dauerte, stand ich schon vor Einbruch der Nacht vor dem polnischen Zollgebäude.