Reiseberichte

Polen        27. August - 12. September 2015

von  5 047 km  -  5 872 km           total   825 km

Am Abend des 27. Augustes kam ich von der weissrussischen Grenze zum Zollgebäude in Polen. Dimitri und ich waren die einzigen Lebewesen, die zu dieser Zeit über die Grenze wollten. Dies wäre für mich kein Problem gewesen, aber Dimitri durfte zuerst nicht in die EU einreisen, obwohl sein Impfpass in Ordnung war. Da sie aber alles kontrollieren wollten (fragen Sie mich bitte nicht, was) verschwanden die beiden Zollbeamten mit dem Pass und liessen uns warten. So etwa alle 15 Minuten kam wieder jemand und wollte eine weitere Auskunft haben - aber den Pass erhielten wir noch nicht zurück.  Nach über einer Stunde, es war mittlerweile stockdunkel, erhielten wir beide Pässe zurück und alles war erledigt. Da ich ja lange Zeit auch noch als Amtstierarzt tätig war, kam mir alles etwas "spanisch" vor. Der Chip wurde nie abgelesen - also konnte niemand sagen, ob Pass und Hund zusammengehörten. Damit wurde das seuchentechnische Prozedere überhaupt nicht eingehalten und alles wurde dadurch zur Farce. Aber wir liessen das mal so stehen und freuten uns, dass wir in Polen angekommen waren. Der Zeltplatz von Bialowieza war nun schnell gefunden und auch das Zelt stand nach kurzer Zeit, trotz Dunkelheit. Etwas kleines Essen und wir waren schon bald beide in Morpheus Armen. Am andern Tag machten wir eine kleine Exkursion im Park des Schlosses, um anschliessend eine Exkursion für den nächsten Tag zu buchen. Leider verpasste ich eine Gruppe junger Biologen aus Deutschland und so musste ich eine Führerin für mich alleine organisieren. Am nächsten Morgen stand ich um fünf Uhr auf, ging mit dem Hund versäubern und machte ihm sein Essen, da er den ganzen Tag alleine beim Zelt bleiben musste.

Anschliessend machte ich mich mit dem Fahrrad auf zum Treffpunkt um 06:00 Uhr. Die Führerin kam weder um sechs noch die akademischen 15Minuten später – also rief ich sie an.“ Ja ich komme, aber erst um sechs. Warten sie schon lange“, war ihre Frage. „20 Min.“ meine Antwort.“ Ja aber es ist ja jetzt erst zwanzig nach fünf – ich glaube sie haben noch weissrussische Zeit“. Ja, jetzt ging mir ein Licht auf: ich war eine Stunde zu früh am Treffpunkt. Wir hatten dann einen sehr schönen Morgen und die Führerin war ganz grosse Klasse und hat meine anfängliche Skepsis schnell zum Verschwinden gebracht. Die interessante Bienenhaltung in der Vorzarenzeit, die Sukzession im Walde, das Zusammenspiel der Wölfe mit ihren Beutetieren, dem Rotwild, sowie dies das Wachstum der Bäume beeinflusst, wurde mir eindrücklich gezeigt und ich kann jedem Naturliebhaber so eine Führung nur ans Herz legen. Bialowieza ist eine Reise wert – es ist Europas letzter naturbelassener Park . An einigen Bäumen konnte man noch die Einschnitte und die Deckel der Bienenstöcke sehen. Auch wie die Spechte die zerklüftete Rinde als Spechtschmiede nutzen und vieles mehr wurde mir bildlich vorgeführt.

Zudem haben wir viele Vögel gesehen. Bialowieza ist ein wahres Spechtparadies mit 8 verschiedenen Spechtarten, unter anderen der Buntspecht, der seltene Weissrückenspecht und der Mittelspecht.



Schon viel zu früh war diese lehrreiche Exkursion zu Ende. Anschliessend genehmigte ich mir ein verspätetes, aber feines Mittagessen und danach holte ich meinen immer noch schön wartenden Hund ab und wir besuchten noch ein kleines Freilandmuseum.


Da wir heute an der geleiteten Exkursion weder Wisente noch anderes Wild gesehen hatten, versuchte ich am frühen Morgen (Tagesanbruch) dies noch nachzuholen. Tatsächlich entdeckte ich am Ort, der mir von der Führerin empfohlen wurde, zuerst zwei Rehe, dann eine kleine Herde Rotwild und zuletzt im Morgennebel zwei Wisente. Als ich etwas näher ran wollte, trotteten sie schnell in den nahen Wald und wurden nicht mehr gesehen.


Nach dem Mittagessen machte ich mich auf den Weg. Bei einem Schluck feinen Bieres erwischte mich noch eine Wespe an der Lippe. Ich fuhr also mit immer dicker werdenden Lippe und Backe noch etwas mehr als zwanzig Kilometer durch den Wald, um dann bei der nächsten Stadt in südwestlicher Richtung quer durch Polen zu fahren. Die Kirchtürme wurden wieder höher und nur noch der weissrussischen Grenze entlang hatte es noch einige wenige russischorthodoxe Kirchen.


Die Landwirtschaft wurde hier wieder etwas kleinräumiger und an den kleineren und grösseren Wasserläufen durften die Biber an der Gestaltung der Landschaft ungehindert mithelfen. 


Herrliche Morgenstimmungen fehlten aber auch hier in Ostpolen nicht und auch hier wie in Belarus wechselten hübsche Wartehäuschen und monumentale „Siegesdenkmäler“ ab. 


Da ich von Ost nach West radelte, musste ich hie und da auch Flüsse überqueren, die aus den südlichen Gebirgen in die Ostsee flossen. An den von mir bevorzugten kleineren Strassen gab es meist keine Brücken, aber man konnte mit einer Fähre übersetzen, auch wenn man manchmal stundenlang warten musste. Dafür ergab sich dann die Gelegenheit, Vögel auf ihrem Wege in den Süden zu beobachten.


Langsam zog der Herbst ins Land und ich fuhr täglich ein Stücklein weiter gegen Westen  vorbei an friedlichen Städtchen mit Kirchen, deren Türme die Bäume wieder überragten und die Wichtigkeit der katholischen Kirche hier unterstreichend mit vielen Autos auch vor den kleinsten Kirchen.


An vielen Orten werden die Kartoffeln noch von Hand geerntet und die Kühe an Pflöcken an den Strassenrand gebunden und am Abend die Milch mit der „Brente“ zur  Käserei gefahren. Als Gegensatz dazu trifft man auch wieder auf riesige Strohlager, hier mal eines aus Rundballen.


Etwa zwei Tage vor Wroclaw wurde das Wetter immer schlechter und in der letzten Nacht gab ich trotz heftigem Regen den Geist auf, noch weiter nach einem Hotel zu suchen und stellte mein Zelt einfach neben Rohrleitungen in der Industriezone.

Man beachte, wie schluderig das Zelt aufgestellt wurde und nicht mal Dimitri hatte Hunger – aber nach einem schön langen Schlaf ging es uns beiden wieder besser und wir fuhren gut gelaunt nach Wroclaw, wo uns ja ein reserviertes Hotelzimmer erwartete.

Wroclaw, das frühere Bresslau, hat eine gemütliche, gepflegte Altstadt. Eines der Wahrzeichen dieser Stadt sind die vielen Zwerge, die in allen möglichen und unmöglichen, aber menschlichen Verhaltensweisen dargestellt sind und immer wieder – sobald man diese entdeckt hat - zum Schmunzeln verleiten.


Die Altstadt mit ihren Kirchen, schönen und interessant ausgebauten Plätzen und den wunderschönen, farbigen Fassaden der Stadthäuser verführt die Passanten förmlich zum gemütlichen Verweilen in dieser Umgebung. Dies nutzen natürlich, wie in den meisten Städten, welche ich besuchte, die Strassenmusikanten aus. Es wird gespielt und getanzt in allen möglichen Formationen und oft trifft man auf Trouvaillen, die man nicht gekannt hat und dann bei einem Check im Internet herausfindet, dass die ja sehr berühmt sind. Ja klar, aus dem Nichts heraus kann ja ein Durchschnittsmusikant eine musikalische Banause, wie ich eine bin, nicht überzeugen.


Auf dem Weg von der Altstadt zu meinem Hotel fand ich noch diese alte Dampflok – nein, ich denke es ist keine alternative Möglichkeit um zur Internationalen Weltraumstation zu gelangen..

Am nächsten Tag fuhr ich in südlicher Richtung aus Wroclaw raus, um durch das Adlergebirge, einem Ausläufer der Sudeten, in die Tschechische Republik zu gelangen. Ich durchfuhr wieder ländliche Gebiete mit kleinen Dörfern, einzelnen Gehöften und kleinen beschaulichen Städtchen. In der Ferne sah man schon bald die Kette des Adlergebirges.


Dies war ja jetzt der erste richtige Pass, seit ich Norwegen verlassen hatte. Ich schaffte es mit einigen wenigen Verschnaufpausen bis auf die Passhöhe, wo gerade eine Veranstaltung der Bergwacht in Gange war. Kurzentschlossen steuerte ich da auf ein Bierzelt zu, wo ich, nebst Verpflegung, noch schöne Bekanntschaften machen durfte und auch noch einen Sponsor für mein Schulprojekt fand.


Nach diesem schönen Erlebnis durfte ich den Lohn der Anstrengung entgegennehmen. Es ging nur noch bergab. Ich verbannte daher meinen Begleiter Dimitri in den Anhänger und sauste den Berg runter bis zur Tschechischen Grenze, die ich kurz nach 18 Uhr mit dem 5870igsten Kilometer erreichte.